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«Ich verstehe meinen Attentäter» von Pierre Heumann
Elad Segev lehnt Gewalt ab. Jetzt ist sein Körper voller Metallstücke. Der junge Israeli ist eines der 188 Opfer des Hamas-Anschlags vom vergangenen Wochenende. Das verändert seine Haltung nicht.

Die acht Nägel und die Splitter schmerzen. Elad Segev kann sich kaum bewegen. Chirurgen der orthopädischen Abteilung des Hadassa-Ein-Keren-Spitals haben bereits einige Fremdkörper aus seinem Körper entfernt. Ein Teil der Stifte wird aber für immer in seinem Leib bleiben; bei der Operation könnten Nervenstränge beschädigt werden.

Der neunzehnjährige Elad erinnert sich nur noch dunkel, was in jener Nacht passierte, als zwei Palästinenser ihre Bomben zündeten. Er traf sich in einem Strassencafé in der Jerusalemer Fussgängerzone mit Freunden.

Plötzlich gibt’s einen Knall. Schreie. Nägel und Metallstücke fliegen herum. Durch die Wucht der Explosion wird er mehrere Meter durch die Luft geschleudert. Er hört Sirenen, und dann wird alles schwarz. Viele Stunden später kommt er im Spitalbett wieder zu sich. Was dazwischen liegt, hat er vergessen oder nicht mehr mitbekommen. Inzwischen weiss Elad allerdings, dass der Terrorist bloss ein bis zwei Schritte von ihm entfernt war, als er die Bombe zündete.

Elad ist einer der 188 Verletzten, die am vergangenen Wochenende in Jerusalem Opfer von Hamas-Attentätern wurden. Sie wollten sich dafür rächen, dass Israel zuvor den prominenten Drahtzieher der Selbstmörder, Mahmud Abu Hanud, umgebracht hatte. Überlebt hat Elad das Attentat nur durch Zufall. Weil er zum Zeitpunkt der Explosion stand, trafen ihn die Nägel nicht am Kopf. Zehn junge Israelis, die sich an jenem Samstag wie Elad vergnügen wollten, wurden getötet.

Über den Bildschirm, den Elad von seinem Spitalbett aus bequem sehen kann, flimmern Szenen vom israelischen Luftangriff auf Gaza und Ramallah. Ariel Scharon lässt die Machtzentrale von Jassir Arafat angreifen, um die jüngsten Terroranschläge zu vergelten, bei denen am Wochenende 26 Menschen getötet und mehr als zweihundert zum Teil schwer verletzt worden sind. Die Aktion stösst bei den meisten Israelis auf Zustimmung. Endlich unternehme Scharon etwas gegen die Terroristen. Elad sieht das anders. «Das wird uns keinen Frieden bringen», ist er überzeugt.

Obwohl der Terrorist ihn und all seine Freunde umbringen wollte - hassen mag er ihnnicht. Wie er in den Nachrichten das Video sieht, in dem der Attentäter seine Tat ankündigt und das den Fernsehstationen zugespielt wurde, versucht er gar, sich in den Palästinenser hineinzuversetzen: «Ich kann ihn verstehen», sagt Elad. Verblüfft fragen wir, ob wir ihn richtig verstanden haben. Der Attentäter, erklärt Elad, habe in einer hoffnungslosen Situation gelebt. Er hatte einen Glauben, für den er zu sterben bereit war - «das», so Elad, «gab es immer wieder in der Geschichte, auch bei Juden und Christen». Mit Versprechungen auf eine bessere Zukunft und mit finanziellen Entschädigungen für ihre darbenden Familien lassen sich verzweifelte Menschen leicht verführen, ist Elad überzeugt. Für die Selbstmörder schaut auch persönlich allerhand heraus: Als Märtyrer werden sie im Paradies von Jungfrauen verwöhnt, wird ihnen versprochen.

Scharon hat sie alle enttäuscht

Seine Mutter, die vor 44 Jahren aus Marokko nach Israel ausgewandert ist, hat für die nachsichtige Haltung ihres Sohnes wenig Verständnis. Man müsse die Terroristen zusammen mit Schweinen beerdigen, das würde alle anderen Möchtegern-Märtyrer abschrecken, da das Tier für Muslime unrein sei. Dieses Rezept hätten bereits die Briten mit Erfolg gegen arabische Terroristen angewandt, die «Märtyrer» sein wollten.

Weil Elad Gewalt konsequent ablehnt, hat er den Militärdienst verweigert. «Ich will nicht für einen Staat kämpfen, der Palästinenser aus ihrer Heimat vertreiben möchte», sagt Elad. Wie er die Offiziere von der Aufrichtigkeit seiner Einstellung überzeugen konnte, will er uns nicht erzählen - er fühle sich derzeit zu schwach. So müssen wir uns mit der Tatsache begnügen, dass er zu den wenigen israelischen Jugendlichen gehört, denen die Armee die Verweigerung aus Gewissensgründen zugestanden hat. Mit dem Peace-Zeichen an seiner Halskette trägt er seine Überzeugung zur Schau. Er bleibt ihr auch als Terroropfer und nach seinem Beinahe-Tod treu.

Seine Mutter, die tagsüber an seinem Bett steht, ergreift die Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge darzulegen. Sie habe Scharon gewählt, weil sie sich von ihm Sicherheit und Frieden erhofft hatte. Doch er hat sie bitter enttäuscht. Die Regierung habe auf all den Terror zu nachsichtig reagiert. «Araber», ist Flora Segev überzeugt, «verstehen nur die Sprache der Gewalt.»

Flora stammt aus einer marokkanischen Familie, die vor 44 Jahren in Israel eingewandert ist. Sie kenne die Araber, sagt sie, man könne ihnen nicht trauen, das habe sie schon als Kind in Casablanca erlebt. Den Hass auf Juden würden sie mit der Muttermilch aufsaugen. Und fast wie ein Ritual leiert sie zum Beweis des arabischen Hasses auf Juden die jüngsten Anschläge herunter: Anfang Dezember gab es 15 Tote in Haifa, bloss zwölf Stunden nach der Bombe von Jerusalem; Ende November wurden drei Terroropfer beerdigt, Anfang September drei, im August 15. Kleine Scharmützel, die zur täglichen Routine gehören, wolle sie gar nicht erst erwähnen.

Inzwischen schiebt eine Physiotherapeutin den Vorhang zur Seite, der Elad von den Nachbarn abschirmt. «Steh auf und geh ein paar Schritte», fordert sie ihn auf. Elad verweigert. Er könne die Schmerzen nicht ertragen. Die Therapeutin insistiert, Gehversuche seien wichtig, doch sie vermag ihn nicht zu überzeugen.

Der Patient wendet sich wieder dem Fernseher zu. CNN zeigt gerade Jassir Arafat und Ariel Scharon. Elad glaubt den beiden Politikern nicht. Er möchte, dass sie verschwinden, ihre Zeit sei abgelaufen: «Sie können uns den Frieden nicht bringen. Beide schicken ihre Kinder in den Tod. Sie bieten keine Hoffnung.»

In der Tat hat Arafat seiner Bevölkerung nichts zu bieten als 750 Tote, Tausende von Verwundeten und eine ruinierte Wirtschaft. Ohne politische Zugeständnisse Scharons kann er niemanden davon überzeugen, dass sich der Kampf gelohnt habe. Und Scharon wird ihm nicht helfen. Seine Ausrede: Die Palästinenser halten die Waffenruhe nicht hundertprozentig ein. Nie zuvor war ein israelischer Premier populärer als Scharon. Als die zweite Intifada Ende September 2000 begann, forderte er: «Lasst die Armee siegen!» Mit diesem Slogan gewann er die Wahlen.

Nach den Selbstmordanschlägen vom vergangenen Wochenende haben die meisten Israelis das Gefühl, im Krieg zu sein. Wer jetzt von einem Rückzug aus den besetzten Gebieten spricht, gilt in Israel schlicht als naiv oder verrückt. Nur noch ein kleinerer Teil der Bevölkerung glaubt an eine friedliche Verhandlungslösung und ist auch bereit, dafür den Preis zu bezahlen: die Rückgabe der besetzten Gebiete. In diesem politischen Klima wirkt Elad weltfremd und, wie manche seiner Freunde meinen, naiv.

Erneut flimmern Bilder vom Luftangriff auf Gaza über den Bildschirm. «Auch in Gaza werden unschuldige Menschen umgebracht», sagt Elad. Ob denn keiner hier verstehe, dass Extremismus keine Lösung bringe, Gewalt führe doch nur zu Toten, ohne etwas zu verbessern. Sein kleiner Bruder, der seit dem Terroranschlag unter Schock steht und in den Nächten von Alpträumen geplagt wird, ist auf die Hilfe von Psychologen angewiesen. Der Terror scheint die Familie regelrecht zu verfolgen. Seine Tante wurde kürzlich Zeugin, wie in der zentralen Busstation der nördlichen Stadt Afula ein Palästinenser wild um sich schoss und dabei zwei Israelis umbrachte und Dutzende verletzte. Der Onkel, der seit ein paar Tagen arbeitslos ist, kümmert sich nun um das Kind und hilft ihm, über den Schock hinwegzukommen. Der Schrecken konventioneller Kriege ist leichter zu verarbeiten als Terror, sagen israelische Psychologen. Kriege haben einen Anfang und ein Ende. Blinde Gewalt in den Städten dagegen führt zu Gefühlen der Angst und der Machtlosigkeit. Die Leute haben den Eindruck, die Kontrolle über ihr Schicksal zu verlieren. Der Glaube an die Zukunft schwindet.

Jetzt schüren einige israelische Politiker neue Hoffnungen. Eine Trennung von den Palästinensern würde Ruhe bringen, versprechen sie. Ein elektrischer Zaun, der Palästina von Israel trenne, würde Terroristen abhalten. Freilich: Solange die Siedlungen nicht geräumt werden und palästinensisches Land besetzt bleibt, muss der Frieden eine Schimäre bleiben.

Deshalb ist Elad pessimistisch. Er glaubt nicht, dass der Frieden bald kommen wird. Doch während der Schrecken des Terrors sich in seinem Kopf immer wieder wie ein Film abspult, schmiedet er bereits Pläne. Sobald er aus dem Spital entlassen wird, werde er wieder zu seiner Gitarre greifen, um Rock, Rap und Reggae zu spielen. Danach, hat er sich entschlossen, will er zu einem Trip nach Indien aufbrechen.

© Weltwoche 49/2001
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